Interview

Erdgas-Lkw im Aufwind

"Unser Fünfzylinder-Motor OC9 leistet 280 oder 340 PS. Der größere Sechszylinder-Motor OC13 bringt es auf 410 PS."

Erdgasfahrzeuge bekommen Aufwind. Der Staat befreit sie vorerst von der Maut und gewährt eine Steuerermäßigung auf den Treibstoff. Damit sollen mehr Gas-Lkw auf die Straßen kommen und helfen, die Klimaschutzziele zu erreichen.

Die Lkw-Industrie in Europa muss sich auf schärfere Klimaschutzvorgaben einstellen. Die CO2-Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge sollen bis 2025 um 15 Prozent im Vergleich zu 2019 sinken. Bis 2030 muss der Ausstoß des klimaschädlichen Gases von neuen Lkw um 30 Prozent niedriger sein. Bei Verstößen drohen saftige Strafen. Von 6.800 Euro für jedes überschrittene Gramm Treibhausgas ist die Rede.

Ein höherer Anteil an Zero- und Low-Emission-Nutzfahrzeugen im Markt könnte für Entspannung sorgen. Jedoch sind manche alternativen Antriebe im Lkw nicht sinnvoll einsetzbar. Ein reiner Batterieantrieb mit tonnenschweren Akkus im Fernlaster ist auch aufgrund der langen Ladezeiten sowie der notwendigen Parkplätze und Ladesäulen auf absehbare Zeit nicht marktfähig.

Hybrid-, Brennstoffzellen- oder Oberleitungs-Lkw sind auch nicht für jeden Einsatzzweck geeignet oder stecken noch in den Kinderschuhen. Schnelle Abhilfe können Fahrzeuge mit Methan-Antrieb schaffen, wie sie auch Scania als CNG- und LNG-Variante im Programm hat. Welche Vorteile Erdgas bietet und für wen Gasmotoren eine echte Alternative zum Diesel darstellen, erklärt Stefan Ziegert, Scania Produktmanager für nachhaltige Transportlösungen, im Gespräch.

"All jenen, die ihren Fuhrpark ohnehin erneuern müssen, rate ich dringend, den Gasantrieb ernsthaft in Betracht zu ziehen."

Zur Person

Der 55-jährige Diplom-Ingenieur studierte Maschinenbau mit Fachrichtung Fahrzeugbau in Braunschweig und Wolfsburg. Stefan Ziegert ist verheiratet und hat einen Sohn. In seiner Freizeit spielt er Badminton, geht joggen oder liest Bücher.
"Unser Fünfzylinder-Motor OC9 leistet 280 oder 340 PS. Der größere Sechszylinder-Motor OC13 bringt es auf 410 PS."

Warum sollte ein Kunde auf Erdgas-Lkw umschwenken?

Lkw mit Methan-Motor sind eine sinnvolle Alternative mit Zukunftscharakter. Sie schonen die Umwelt und rechnen sich wirtschaftlich. Ob komprimiertes oder verflüssigtes Gas, spielt dabei keine Rolle. Die CNG- und LNG-Lkw stoßen gegenüber vergleichbaren Diesel-Lkw bereits bei fossilem Erdgas (in Deutschland mit 20% biologischen Anteil im Erdgasnetz) bis zu 15 Prozent weniger CO2 aus. Mit Biomethan kann der Wert bis auf 90 Prozent klettern. Das macht sich gut in der Klimabilanz der Speditionen.

Für wen lohnt sich der Umstieg?

Der Umstieg auf den Erdgasantrieb lohnt sich für alle, die jetzt und gleich weniger schädliches Klimagas, Stickoxide, Feinstaub und Partikel emittieren und gleichzeitig ihre Kosten senken wollen. Bei all diesen Kriterien schneidet der Gasmotor besser als der Diesel ab. All jenen, die ihren Fuhrpark ohnehin erneuern müssen, rate ich dringend, den Gasantrieb ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Welche Jahresfahrleistung stellt hier eine natürliche Grenze dar?

Eine solche Grenze gibt es nicht mehr. Wer im Durchschnitt mehr als 100.000 Kilometer pro Jahr mit dem Lkw fährt, sollte zum LNG-Truck greifen. Wer mehr im Nahverkehr unterwegs ist und jährlich höchstens 100.000 Kilometer zurücklegt, kommt mit einem preisgünstigeren CNG-Lkw vielleicht besser zurecht.

Welche Erdgasmotoren hat Scania dafür im Programm?

Scania bietet derzeit zwei Motoren in drei Leistungsstufen an. Beide eignen sich für CNG und LNG. Die Gasmotoren arbeiten nach dem Prinzip des Ottomotors. Zündkerzen liefern den Funken, um das Erdgas-Luft-Gemisch zu entzünden. Beide Komponenten verbrennen vollständig. Eine Abgasrückführung und ein Dreiwegekatalysator übernehmen die Abgasnachbehandlung. Unser Fünfzylinder-Motor OC9 leistet 280 oder 340 PS. Der größere Sechszylinder-Motor OC13 bringt es auf 410 PS. Die maximalen Drehmomente reichen von 1.350 bis 2.000 Nm. Damit stehen sie dem Dieselmotor in nichts nach und lassen sich in Sattelzugmaschinen und Lkw-Fahrgestelle bis 40 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht einsetzen.

Welche Scania Baureihen lassen sich mit Erdgasmotoren bestücken?

Grundsätzlich können wir fast alle Baureihen und Gewichtsklassen mit Gasmotoren ausstatten. Prädestiniert sind die P-, G- und R-Baureihe. Damit können Erdgasmotoren im Kommunal-, Baustellen-, Verteiler- und Fernverkehr eingesetzt werden. Selbst große Volumenzüge mit drei Meter Ladehöhe stellen keine Grenze für den Gasantrieb dar. Nur bei echten Schwertransporten über 40 Tonnen müssen wir noch passen.

Mit welchen Einschränkungen müssen Kunden bei Erdgas rechnen?

Einbußen bei der Leistungsentfaltung unserer Gasmotoren oder beim Fahrverhalten und Fahrkomfort braucht niemand zu befürchten. Auch in Sachen Wirkungsgrad und Kraftstoffeffizienz sind sie dem Dieselmotor fast ebenbürtig. Mit einem Erdgas-Lkw ist der Fahrer genauso flott unterwegs wie mit einem vergleichbaren Dieselpendant.

Verbraucht ein Erdgasmotor mehr als ein Dieselmotor?

Nein, tendenziell ist eher mit einem Minderverbrauch zu rechnen, da der Energieinhalt von Erdgas höher liegt.

Wie sieht es mit der Nutzlast aus?

Aufgrund der aufwendigeren Gastanks beträgt das Mehrgewicht der Gas-Lkw rund 600 Kilogramm, was die Nutzlast etwas einschränkt. Die können zwar über eine Zulassungsordnung in die Papiere eingetragen werden, jedoch erhöht das nicht das zulässige Gesamtgewicht.

Welche Gastankgrößen stehen den Kunden zur Verfügung?

In der CNG-Variante können wir viermal 95 beziehungsweise 118 Liter pro Fahrzeugseite bieten, sodass sich je nach Kombination Fassungsvermögen von 760, 852 oder 944 Litern ergeben. Drei verfügbare LNG-Tanks mit 340, 400 oder 550 Litern erlauben zwischen 740 und 1.100 Liter tiefgekühltes Flüssiggas an Bord.

Welche Reichweiten sind damit möglich?

Nahverkehrsfahrzeuge für Kommunen, das Baugewerbe oder im Verteilerbetrieb haben mit ihren CNG-Tanks bis circa 600 Kilometer Reichweite. Sattelzüge mit LNG-Tanks im Fernverkehr kommen bis 1.100 Kilometer weit und Fahrgestelle sogar bis 1.700 Kilometer. Sie haben mehr Platz für große Tanks am Rahmen. Da muss ein Fahrer nicht zwangsläufig häufiger zum Tanken fahren als mit einem Diesellaster.

"Im Vergleich zum Diesel fährt der Gas-Lkw wesentlich leiser. Die Geräuschentwicklung reduziert sich auf 72 dB(A) um rund die Hälfte."

Alternative Antriebslösungen von Scania

Stefan Ziegert ist seit Februar 2017 als Produktmanager nachhaltige Transportlösungen bei Scania Deutschland Österreich beschäftigt. In dieser Funktion betreut der gebürtige Braunschweiger unter anderem Kunden, die sich für einen Scania mit Erdgasmotor entscheiden.

Update Juli 2020 Die Mautbefreiung gilt nun über den 31. Dezember 2020 hinaus für drei weitere Jahre bis 31. Dezember 2023.

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"Scania verkauft seit über zehn Jahren Erdgasmotoren. Die Technik ist ausgereift und so funktionssicher wie beim Dieselmotor."

Wie sieht die Dichte des Tankstellennetzes für Gas-Lkw heute aus?

Über ganz Deutschland verteilt gibt es mehr als 850 CNG-Tankstellen, von denen sich knapp 90 auch für Lkw eignen. Nicht ganz so gut sieht es bei LNG aus. Aktuell haben wir 51 öffentliche LNG Tankstellen. Hier hat Deutschland aber auf die europäischen Nachbarn aufgeschlossen. Bis Ende 2021 sollen weitere 20 bis 30 neue an den Hauptverkehrsadern hinzukommen.

2025 soll es an den Hauptverkehrsrouten der Europäischen Union alle 400 Kilometer eine LNG-Tankstelle geben.

Wäre eine CNG- oder LNG-Tankstelle auf dem eigenen Speditionshof eine Alternative?

Grundsätzlich wäre das möglich, aber für die meisten sicher viel zu kostspielig. Ein Tankstützpunkt für komprimiertes Erdgas kostet etwa 350.000 Euro. Richtig tief in die Tasche müssen diejenigen greifen, die sich für eine LNG-Tankstelle interessieren. Die schlägt mit mindestens ein bis eineinhalb Millionen Euro zu Buche.

Und was machen jene, die international unterwegs sind?

Im benachbarten Ausland ist die Situation häufig besser. England kann auf 28 LNG-Tankstellen verweisen, in den Niederlanden sind es 26, Italien ist mit 71 Stationen dabei, Frankreich hat 38 und Spanien 54 LNG-Tankstellen. Das Netz wächst aber kontinuierlich, so sind mehr als 300 LNG Tankstellen in Europa vorhanden.

Gibt es denn dort mehr Erdgasfahrzeuge als in Deutschland?

In anderen Teilen Europas ist der Erdgasantrieb im Lkw ganz normale Praxis. Speziell die Beneluxländer, Frankreich, Spanien, England, Italien und Russland sind hier führend.

Welche konkreten Vorteile hat der Kunde mit Gasmotoren?

Mit Gas-Lkw sinken die Betriebskosten. Es fallen weniger Treibstoffkosten an, da Erdgas preiswerter als Diesel und der Verbrauch geringer ist. Außerdem sind Gas-Lkw in Deutschland seit 2019 bis mindestens Ende 2023 von der Maut befreit. Wichtig ist auch, dass der Kunde keine Fahrverbote in den Innenstädten und Ballungszentren befürchten muss.

Dafür müssen Kunden beim Kauf der Erdgas-Lkw tiefer in die Tasche greifen.

Das stimmt. Je nach Variante – also CNG oder LNG – sind die Fahrzeuge zwischen 20 und 35 Prozent teurer. Jedoch haben sich die Investitionen je nach jährlicher Fahrleistung und Nutzung der Förderprogramme schon nach 24 bis 42 Monaten amortisiert.

Wie sieht denn die Förderung von Erdgasfahrzeugen in Deutschland konkret aus?

Es gilt eine Mautbefreiung für Erdgasfahrzeuge bis Ende 2023. Für die Zeit danach ist für diese Lkw eine reduzierte Maut im Gespräch. Als weitere Fördersäule hat die Bundesregierung die Steuerermäßigung für Erdgaskraftstoff jetzt bis 2026 verlängert. Dadurch beträgt die Preisdifferenz zwischen einem Kilogramm Erdgas und einem Liter Diesel etwa 20 bis 30 Cent.

Was kann der Kunde mit einem Gas- statt Dieselfahrzeug im Praxisbetrieb sparen?

Wer im Monat rund 10.000 Kilometer fährt, spart zwischen 500 und 600 Euro Treibstoffkosten. Hinzu kommen eingesparte Mautkosten bis 1.870 Euro. Bei einer jährlichen Fahrleistung von 120.000 Kilometern lassen sich mit Erdgas-Lkw insgesamt bis zu 22.400 Euro Maut- plus 7.200 Euro Spritkosten einsparen.

Was müssen Kunden beachten, wenn sie sich für Erdgas entscheiden?

Das Betanken der Fahrzeuge ist im Vergleich zum Diesel anders, dauert aber kaum länger als an einer Dieselsäule. Besonders der Fahrer eines LNG-Lkw muss sich beim Betanken umstellen und einige Sicherheitsroutinen beachten. Dazu gehören beispielsweise das Erden des Fahrzeugs, das Säubern der Anschlüsse und das Anlegen von Schutzhelm mit Visier und Schutzhandschuhen. Ansonsten könnte ihm das minus 130 bis 140 Grad kalte Flüssigerdgas im unwahrscheinlichen Fall des Entweichens Kälteverbrennungen an Haut und Gliedmaßen zufügen.

Gibt es auch für den Fahrer Vorteile im Erdgasbetrieb?

Im Vergleich zum Diesel fährt der Gas-Lkw wesentlich leiser. Die Geräuschentwicklung reduziert sich auf 72 dB(A) um rund die Hälfte. Bei der Performance des Lkw muss er keine Abstriche machen. Und er braucht sich nicht um Fahrverbote für bestimmte Straßen oder ganze Innenstadtbereiche wegen zu hoher Stickoxidbelastung zu kümmern und deren Umfahrungen vorzunehmen.

Ist ein Erdgasmotor anfälliger für Störungen als ein Dieselmotor?

Nein. Scania verkauft seit über zehn Jahren Erdgasmotoren. Die Technik ist ausgereift und so funktionssicher wie beim Dieselmotor.

Aber die Wartungsintervalle verkürzen sich mit Erdgasmotoren.

Das ist richtig. Lkw mit Erdgasmotor müssen alle 60.000 Kilometer zum Service in die Werkstatt. Dadurch wird der Wartungsaufwand etwas höher, und die Wartungs- und Reparaturverträge kosten ein wenig mehr.

Sind bei Scania alle Servicestützpunkte für den Umgang mit CNG- und LNG-Motoren gerüstet?

Nein, noch nicht alle Betriebe haben eine Zertifizierung oder Gasarbeitsplätze. Aber das befindet sich im Aufbau. Bis Mitte 2021 wird schon mehr als 3/4 aller Scania Stützpunkte dafür qualifiziert sein, sodass Kunden und Fahrer von Gasfahrzeugen keine weiten Wege in Kauf nehmen müssen.

Kann ich als Einzelner mit der Anschaffung von Erdgasfahrzeugen das Klima retten?

Sicher nicht. Aber neben der politischen Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, kann jeder ein Stück weit zur Klimarettung beitragen. Nur gemeinsam lässt sich etwas ausrichten.

Scharfer Gegenwind zum Erdgasantrieb kommt von Transport & Environment. Der Lobbyverein hält laut einer Studie LNG und CNG beim Klimaschutz im Verkehrsbereich für völlig unwirksam. Wie sehen Sie das?

Die Studie der Dachorganisation von nicht staatlichen europäischen Organisationen für nachhaltigen Verkehr, zu der auch die deutsche Umweltschutzorganisation NABU zählt, geht vom Einsatz von Fracking-Gas aus den USA aus. Das ist in der Ökobilanz in der Tat schlechter als Diesel. Die Zukunft gehört aber sogenannten E-Fuels. Die biologischen oder synthetischen Kraftstoffe auf Wasserstoffbasis bieten eine hervorragende CO2-Bilanz und viele Vorteile in Bezug auf Stickoxide und Partikel. Hinzu kommt noch der Einsatz von Biogas aus Abfallstoffen. Der Feinstaub liegt bei Gasmotoren an der Nachweisgrenze. Das Methangas enthält wenig Kohlenstoff und verfügt dafür über das Maximum von Wasserstoff pro Kohlenstoffatom, was für eine saubere Verbrennung sorgt. Die Stickoxidwerte liegen rund 60 Prozent unter denen bei der Dieselverbrennung. Sauberer lässt sich ein Verbrennungsmotor kaum betreiben. Und auf den sind wir noch einige Jahre angewiesen.

"In anderen Teilen Europas ist der Erdgasantrieb im Lkw ganz normale Praxis."

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